WYDAWCA: STOWARZYSZENIE WILLA DECJUSZA & INSTYTUT KULTURY WILLA DECJUSZA
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Gedichte

SAG, WO GEHT DIE ANGST HIN 

in diesem Monat ohne Ende,
der Explosion von Schneeglöckchen
und Schützengräben,
geht sie in die Luft hinauf zu den Raketen,
Abwehrdrohnen, Fliehwolken, den gefluchten Gebeten,
oder geht die Angst
hinunter in die U-Bahn-Schächte,
Stockwerke tief, in die Bunker,
wo die Rolltreppen schiefe Spielplätze sind,
die Schlafsäcke bunt und feucht
vor Hass, blass die hustenden Kinder, ist die Angst dort,
wo in finsteren Winkeln
Hunde, Katzen schamvoll ihre Rücken krümmen,
und Frauen, die nach Blut riechen,
Tampons tauschen, Witze, Schmerz und Windeln,
und, überkommt der Dämmer sie,
neben ihre Kinder und Tiere kriechen,
zärtliche Gespinste sich in ihre Träume winden,
in die Millionen Träume von vergangenen Leben,
vom Leichten, und von der nahen
Front


TSCHERNIWZI/CZERNOWITZ 1998

 

In Erinnerung an Olha Kobyljanska und Selma Meerbaum-Eisinger

 

Wo ich hinkomme 

verstehe ich kein Wort
im Theater fremdle mit den Gerüchen
aber die Augen die Augen gehen mir
über den Samt den roten streichen
die Hände das Gold die Lüster
wie in Salzburg! In Klagenfurt! Und
draußen die ukrainische Dichterin
die Goethe liebte bronzeschwarz
und Nietzsche

Wo ich herkomme

verstehe ich dort am leuchtenden Rand
der Monarchie vor der betrunkenen Kirche
der Gedenktafel am Atemhaus in der
Synagoge die nicht mehr arbeitet und da
wo Kinder planschen im Pruth jetzt
ist November hier hustet das Mädchen
Selma hinter Tüchern in den Arkaden
Dichterin deutscher Sprache für immer
ungeschützt

 

JESUS IN LWIW 

Auf der Laterne der Boim-Kapelle
weit oben auf der Kuppel sitzt er
fast im Himmel

sein Po betoniert

unterm leeren Kreuz

Jesus

hängt

nicht er hockt

 

auf dem Klotz aus Zement
stützt er den Kopf in die Hand
Ellbogen im Knie
Dornenkrone im Haar

schon seit     Jahrhunderten      jetzt

 

Soll ich zurück

aufs Kreuz soll ich

hinunter

 

klettern

laufen

nach             Moskau          Minino          Tomsk



Jesus in Lwiw2

 

 

IHR       BLINDEN        WERDET          SEHEND

 

      IHR       TAUBEN        HÖRT



nach Butscha   Mariupol    Kramatorsk



STEHT   AUF   IHR    TOTEN     ALLES     IST

 

STEHT

 

EINFACH



FEBRUAR, GRAUSAMSTER MONAT 

Februar, grausamster Monat, in alle Zellen
gedrungen treibt Farben aus dem Asphalt
Gier und Gespenster schneegrau
zertrampelte Masken und wir
besoffene Larven rund um
den Hofgarten den See 

Februar, grausamster Monat, Spalt
zwischen Winter und Grün
kriechen Kriege heraus Mädchen
mit offenem Haar schwinden Väter
darin immer schmerzt dieser Tag der
fehlt   ist     zu      viel

Februar, grausamster Monat, unter Trümmern
hörst du Sibylle in deiner Flasche hörst du
das Schrein schwächer und schwach
fächeln wir Angststaub
aus anatolischen Platten die Laptops
klappern wir zu     auf     und     zu

 

Februar, grausamster Monat  2 

Februar, grausamster Monat, in Bunkern
und Kellern voll Schmutz spielen sie Geige
im Prunk zocken Gauner erfundene Grale
Kreuzzüge vergänglicher Art doch:
Schaut nur es schwimmen die Hügel im Mai
schwimmen im Flieder als drehte der Engel

in sturmheller Luft sich einmal und
schlösse die Flügel
violettpurpurundweiß schaut nur
aus flüchtigen Paradiesen wehen Meere
von Duft über die schwarze die saftige
Da      geht    ein     Mensch     Erde

 

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Müller-Wieland Birgit [autor]

Birgit Müller Wieland – ur. w 1962 w Schwanenstadt w Górnej Austrii. Studiowała germanistykę i psychologię w Salzburgu, obroniła doktorat nt. „estetyki oporu” Petera Weissa. Pracowała jako dziennikarka oraz w sektorze kultury. Przez długie lata pracowała jako freelancerka w Berlinie, a następnie w Monachium. W 2017 roku jej powieść „Flugschnee” znalazła się na długiej liście do Niemieckiej Nagrody Książkowej. Od 2025 roku jest redaktorką czasopisma „Literatur und Krititk”.