Berliner Osten
Steht eine Birke im Hinterhor, erinnert daran,
wie es war, als die Barbaren endlich kamen.
Wie es war, als das Haus, dessen Bewohner
deportiert und ermordet wurden,
endlich zerschossen wurde.
Wie war es, als das geraubte Haus
reparierte und enteignet wurde.
Wie war es, als die neuen Mieter,
kleine Rentner, vertrieben wurden
von den rechtmäßigen letzten Besitzern,
die nun endlich heimgekehrt waren –
keine Barbaren, feine Leute. Die als erstes
die Birke im Hinterhof fällen ließen,
die daran erinnert hatte, wie es war.
Auch ich kam einmal ins nächste Dorf
Und wurde beinah vom Traktor überfahren,
bevor ich ans Hoftor schlagen konnte,
woraufhin sich einiges in Bewegung setzte.
Zuerst ein schielender Hund auf drei Beinen –
er überquerte die Straße und starrte mich an.
Dann eine Alte, sie schwang den Reisigbesen
und faselte von den Chinesen, prophezeite
uns allen den baldigen Weltuntergang.
Schließlich drei Glatzenkerle schwer tätowiert,
sie riefen: Juda verrecke! Das galt nicht mir.
Zum Glück drehte der Wind. Die Gänseschar
flog am Kirchturm hin und kreischte so laut,
dass die Leute von mir abließen, mich stehen-
ließen wie die Vogelscheuche auf freiem Feld.
Nur eine Katze folgte mir bis zum Dorfrand.
Regentaufe
In Parma regnete es. Die Tage ertranken
im strömenden Regen aus allen Traufen –
da fiel es mir ein: Du bist nicht getauft,
nicht konfirmiert, nicht beschnitten.
Im Schatten des Baptisteriums, das Gesicht
verdunkelt unter dem Regenschirm
traf mich das Faktum: religiös unmarkiert.
Die Wasser stiegen, die Basilisken im Stein
rückten näher, die Höllenreptilien krochen
an der Fassaden herab. Feucht glänzte
der rosa Marmor wie Gaumenfleisch.
Und da stand ich da, vom Regen festgenagelt,
und starrte den Wassermassen entgegen.
Dass wir manchmalim Irgendwo stranden
auf Plätzen, an die uns niemand gerufen hat –
kommen wir damit klar? Es ist wahr,
in der Fremde erst kommt man sich nah,
zwischen den Heimen der andern der eine
den keiner erwaten würde bei Tisch.
Das meinte der Regen, meinten die Löwen
vorm Domportal, ganz Parma sprach es aus.
Hier war man unbehaust, ein Fremder,
und hätte auch dort sein können, im Jenseits,
mit denselben Kotzbrocken und Dämonen,
in einen Strom kalter Lüfte getaucht,
im Purgatorio. Für die Bewohnern Parmas
hätte es keinen Unterschied gemacht.
So stand ich da, das Rückgrat geschmiegt
an das Oktogon und rang nach Luft, schaute,
während der Regen alles in Demut hüllte.
Großer Sommertag
Pinienwurzeln unterm Asphalt -
sie wachsen und wühlen sich
durch den Straßenbelag.
Schlaftrunkene Riesenschlagen
oder Herakles’ Proletarierarme.
Dann kommt ihr großer Tag,
nach Hitzewellen und Tropenregen,
ein städtestürmender Sommertag.
Und der Boden bricht auf,
und das Erdreich gibt nach.
Freude des Aufruhrs im Innern,
Sie kommen in Rudeln, antike,
moderne Dämonen der Stadt.
Aber hoch in den Pinienwipfeln,
wo der Stadtlärm verebbt,
hält sich keine der Klagen.
Skizze für eine Straßenpinie
Hoch über die Peitschenlampe
hat sich die eine erhoben,
grazil auch sie,
wenn auch um einiges wendiger,
wetterbeständiger
als das Metallfabrikat.
Straßenpinie, unverwüstliche,
gepflanzt in der Zeit des Regimes -
wie viele Regierungswechsel in Italia
hat sie schon miterlebt, seit Partisanen
den toten Diktator und seine Geliebte
kopfüber baumeln ließen vom Dach
einer Tankstelle in Mailand?
Hüterin am Wegesrand, Überlebende
des Jahres XX (erstes Kriegsjahr).
Inmitten so vieler Ruinen
ein grünes Zeichen
für bessere Zeiten als alle bisher
an der Ausfallstaße zum Meer.
Die Gedichte stammen aus dem Gedichtband „Äquidistanz“ von Durs Grünbein.
© Suhrkamp Verlag GmbH, Berlin, 2022