Andrea Böhm
Fighting Like a Woman. Die Geschichte der Frauen, die zurückschlagen
Rowohlt Verlag, Hamburg 2026
Feminismusforschende stoßen aller Orten auf Frauen, die argumentieren, die demonstrieren, die mit BHs werfen oder sich schlicht clever vernetzen. Aber wo, fragte sich die langjährige Auslandsreporterin Andrea Böhm, sind die Frauen, die physische Gewalt mit physischer Gewalt beantwortet haben? Die sich nicht abfinden wollten mit ihrer „Machtlosigkeit“? Was hat die Geschichtsschreibung mit jenen Frauen gemacht, die nicht mehr reden, sondern lieber zuschlagen wollten?
Andrea Böhm, die derzeit dem Politik-Ressort der Wochenzeitung „Die Zeit“ angehört, hat selbst viele Jahre lang Kampfsport gemacht. Auf ihren vielen Reisen, an ihren vielen Aufenthaltsorten, hat es sie immer wieder in Kampfsportschulen gezogen. Aus diesem Interesse heraus ist ein Buch entstanden, das dem physischen Kampf der Frauen gegen das Patriachat weltweit nachgeht.
Böhm fasst ihre „Geschichte der Frauen, die zurückschlagen“ bis in unsere Gegenwart. Aber sie verherrlicht hierbei nichts und niemanden. Böhm belässt es in ihrem Buch nicht bei Beispielen aus der Geschichte. Sie sucht ringende Frauen in Mexiko auf, die mit Lucha Libre, einer theatralischen Variante des Wrestling, gegen die Femizide in ihrem Land ankämpfen. Böhm hat auch mit kurdischen Kämpferinnen gesprochen. Sie besucht Nachfahrinnen der berühmten Frauenarmee im Königreich Dahomey im heutigen Benin, amerikanische MMA-Heldinnen und Transfrauen im Thailändischen Muay Thai Sport. Sie nimmt uns mit auf eine packende Reise einmal um die Welt und quer durch die Kulturgeschichte. Das, was sie auf dieser Reise findet, ist nicht gesellschaftsfähig und doch allgegenwärtig, also skandalös: Frauen, die austeilen.
Auszug aus einer Buchbesprechung von Katharina Teutsch.
Auszug aus dem Buch im Original und in der Übersetzung ins Polnische von Justyna Drobkiewicz finden Sie auf der Website des Goethe-Instituts: https://www.litrix.de/de/buecher.cfm?publicationId=3969
Heim Susanne
Die Abschottung der Welt
C.H.Beck Verlag, München 2026
Die Geschichte von Flucht und Vertreibung der jüdischen Bevölkerung aus Deutschland ist, warum auch immer, weniger gut erforscht als die ihrer Vernichtung. Eine der Expertinnen für dieses komplexe Thema ist Susanne Heim, die als Projektleiterin die sechzehnbändige Quellenedition zu „Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945“ betreut hat. In ihrem neuen Buch geht es um die „Abschottung der Welt“. Es war Deutschland, das den Juden das Bleiben unmöglich machen wollte. Und es war die Welt, die ihnen vielfach das Ankommen verweigerte. Als „eine Form polizeilich organisierter Gesetzlosigkeit“ hat Hannah Arendt die Politik der geschlossenen Grenzen kritisiert. Heim erkennt Parallelen zur heutigen Flüchtlingspolitik, in Europa, Amerika und anderswo. „Wie werden“, fragt sie, „Historikerinnen und Historiker künftiger Generationen über die heutige Migrationspolitik urteilen?“
Breiten Raum nehmen in Heims Buch die dramatischen Fluchterfahrungen von Jüdinnen und Juden ein. Markant unterscheiden sich dabei die Schicksale von Männern und Frauen, Armen und Reichen, Alten und Jungen, aber auch die der früh von denen der spät Geflüchteten. Mit dem Kriegsausbruch 1939 spitzt sich die Lage weiter zu. Wer nicht nach Übersee fliehen kann, ist von der Deportation bedroht. Detailliert betrachtet Heim die Politik der Zufluchtsländer, in denen oft genug der einheimische Antisemitismus der Aufnahme im Wege stand.
Letztlich aber sind es weniger die Staaten als die zivilen Netzwerke gewesen, die Jüdinnen und Juden Flucht und Überleben ermöglicht haben. Internationale jüdische Organisationen, am Wirksamsten das „American Jewish Joint Distribution Committee“ waren mitunter in der Lage, Politik und Gesellschaft für ihr Anliegen zu aktivieren.
Welche Lobby aber könnte, um an Heims Parallele zu erinnern, heutigen Fluchtbewegungen eine Stimme geben?
Auszug aus einer Buchbesprechung von Christoph Bartmann.
Auszug aus dem Buch im Original und in der Übersetzung ins Polnische von Justyna Drobkiewicz finden Sie auf der Website des Goethe-Instituts: https://www.litrix.de/de/buecher.cfm?publicationId=3970
Hermann Judith
Ich möchte zurückgehen in der Zeit
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2026
Das Buch „Ich möchte zurückgehen in der Zeit“ ist in drei Teile gegliedert. Zumindest der erste Teil, so hat die Autorin es in Interviews gesagt, ist autobiografisch: Die Ich-Erzählerin reist in die polnische Stadt Radom. Zwei Ereignisse haben den Impuls gegeben, diese Reise anzutreten: Ihre Mutter erleidet einen temporären Gedächtnisverlust. Und sie findet in einer Kiste ein Foto ihres Großvaters aus dem Jahr 1941, auf dem er in Radom auf einem Motorrad der SS posiert. Die deutschen Besatzer hatten in Radom ein Ghetto errichtet. Mindestens 20.000 jüdische Bürger wurden von dort aus ins Konzentrationslager Treblinka deportiert. Judith Hermann hat ihren Großvater nie kennengelernt; er starb sechs Jahre vor ihrer Geburt. Die Erzählerin mietet sich in Radom ein, geht durch die Stadt, sucht nach Spuren, nach Gesprächspartnern. Der Tonfall ist der klassische, unverwechselbare Judith Hermann-Sound, zurückhaltend, schwebend, Leerstellen betonend. Und genau das ist auch der Großvater: eine Leerstelle.
Welche Erkenntnis sie gewonnen hat? Judith Hermann sagt: Ihre Erzählerin habe erfahren, dass es ihrem Großvater dort, in Radom, gut gegangen sei. Und das sei eine ziemlich schreckliche Einsicht. Eine wichtige Figur in „Ich möchte zurückgehen in der Zeit“ ist die Mutter der Ich-Erzählerin. „Du literarisierst“ – das ist der Vorwurf, den die Mutter der Schriftsteller-Tochter mehrfach macht. Was heißen soll: Du dramatisierst. Das Interesse der Schriftstellerin ist kein historisches. Der Großvater ist ein Täter, das ist eine Gewissheit. Was genau er getan hat, bleibt im Dunkeln. Er taugt nicht als literarische Figur, sondern steht als ewiges Gespenst inmitten eines dichten Familiengeflechts. Es sind Details, die Judith Hermann herausarbeitet. „Ich möchte zurückgehen in der Zeit“ ist eben kein Buch über einen Nazi-Großvater. Es ist ein Buch über Familien; über ein Schweigen, das die Generationen miteinander verbindet.
Auszug aus einer Buchbesprechung von Christoph Schröder.
Auszug aus dem Buch im Original und in der Übersetzung ins Polnische von Agata Tererek finden Sie auf der Website des Goethe-Instituts: https://www.litrix.de/de/buecher.cfm?publicationId=3963
Jekal Jan
„Paranoia in Hollywood"
Matthes & Seitz Verlag, Berlin 2026
Er wolle nicht in diesem „seelenlosen Boden“ ruhen, dem er nichts verdanke, und der nichts von ihm wisse, schrieb Thomas Mann kurz vor seinem Wegzug aus dem langjährigen kalifornischen Exil in die Schweiz, wo er nur drei Jahre später, nämlich 1955, verstarb. Ein Knüller aus dem Mund des damals berühmtesten deutschen Oppositionellen, der 1938 mit offenen Armen in Amerika empfangen wurde. Man hatte ihm sogar die amerikanische Staatsbürgerschaft gegeben. Was hatte den Repräsentanten des „guten Deutschland“ plötzlich gegen seine Gastgeber aufgebracht?
Der 1993 geborene Filmkritiker Jan Jekal beantwortet diese Frage in seinem materialreichen Sachbuch über deutsche Exilanten in Hollywood mit dem aufkommenden Antikommunismus. Der hatte nach dem Ende des Kriegs ein paranoides Klima im Land erzeugt. Die Hexenjagd auf Kommunisten, flankiert vom FBI-Mann Edgar Hoover und vom hysterisierten Senator McCarthy, brachte viele Opfer des Nationalsozialismus zum zweiten Mal in politische Bedrängnis.
Jan Jekal lässt in einem Verfahren, das an Montagetechniken des Kinos denken lässt, Szenen, Anekdoten, Archivmaterialien, auf Werkentstehungsexkurse folgen. Das liest sich packend wie ein Hollywood-Film voller Drama und hinterlässt angesichts eines neuen Klimas der Repression in den USA einen bitteren Beigeschmack. Denn das alles ist zwar Geschichte. Aber ein Blick auf die Trump-Administration zeigt: Ein neuer Kampf gegen alles „Unamerikanische“ hat längst begonnen. Und wieder zeigen sich europäische Demokraten enttäuscht von einer Nation, deren starkes Kreuz die vielen Nachkriegsjahrzehnte hindurch verlässlich Schutz vor den Feinden der Freiheit geboten hat.
Auszug aus einer Buchbesprechung von Katharina Teutsch.
Auszug aus dem Buch im Original und in der Übersetzung ins Polnische von Ewa Mikulska-Frindo finden Sie auf der Website des Goethe-Instituts: https://www.litrix.de/de/buecher.cfm?publicationId=3971
Clara Leinemann
Gelbe Monster
Suhrkamp Verlag, Berlin 2026
Sie ist die Überraschungs-Debütantin des Frühjahrs: Clara Leinemann, ausgezeichnet mit dem lit.Cologne-Debütpreis 2026. Ihr Roman „Gelbe Monster“ richtet den Blick auf Charlie, eine junge PhD-Studentin, die ihren Freund geschlagen hat – und nun freiwillig zur Selbsthilfegruppe gewalttätiger Frauen geht.
Ihre innere Leere füllt Charlie seit einigen Jahren mit unbändiger Wut, in selbst-, wie fremdschädigendem Verhalten. Am Romanbeginn sitzt die Kölner Studentin mit Blessuren in einer Selbsthilfegruppe für gewalttätige Frauen. Charlie, die selbst aussieht wie ein Gewaltopfer, will sich im Kreise Gleichgesinnter mit jener Ungeheuerlichkeit konfrontieren, die bereits im Buchtitel „Gelbe Monster“ angedeutet ist.
„Gelbe Monster“ ist eine gelungene literarische Auseinandersetzung mit Gewalt und psychischer Devianz, mit Liebessucht und Destruktion. Man liest diese Fallstudie beim ersten Mal rasch, eingefangen von seiner Leichtigkeit, erkennt aber bei zweiter Lektüre, dass hinter dieser Leichtigkeit eine geschickte Dramaturgie verborgen ist. Dieses „Gelbe Monster“-Buch ist eine kluge Melange aus Dark Romance und Charakterstudie, aus groteskem Psychothriller und Coming of Age-Pageturner, und es dient der Einübung in Ambiguitätstoleranz, jene notwendige Fähigkeit in unserer Epoche des radikalen und verabsolutierten Individualismus.
Auszug aus einer Buchbesprechung von Jan Drees.
Auszug aus dem Buch im Original und in der Übersetzung ins Polnische von Anna Wziątek finden Sie auf der Website des Goethe-Instituts: https://www.litrix.de/de/buecher.cfm?publicationId=3964
Clara Leinemann
Żółte potwory
Wydawnictwo Suhrkamp, Berlin 2026.
Clara Leinemann jest laureatką międzynarodowego festiwalu literatury lit.COLOGNE za najlepszy debiut prozatorski w 2026 roku. Jej powieść Żółte potwory opowiada o Charlie, młodej doktorantce, która pobiła swojego chłopaka – i teraz z własnej woli uczestniczy w spotkaniach grupy wsparcia dla kobiet stosujących przemoc.
Wewnętrzną pustkę Charlie wypełnia od kilku lat niepohamowaną wściekłością, która przejawia się zachowaniami szkodliwymi zarówno dla niej samej, jak i dla innych. Na początku powieści posiniaczona doktorantka z Kolonii siedzi na zajęciach grupy wsparcia dla kobiet skorych do rękoczynów. Charlie, która sama wygląda jak ofiara przemocy, pragnie zmierzyć się w gronie osób o podobnym usposobieniu z potwornością, na którą wskazuje już tytuł książki: Żółte potwory.
Żółte potwory to udana refleksja literacka nad przemocą i dewiacjami psychicznymi, nad uzależnieniem od miłości i destrukcją. Za pierwszym razem czyta się to swoiste studium przypadku szybko, dając się ponieść jego lekkości, ale przy ponownej lekturze łatwo dostrzec, że za pozorną lekkością kryje się zręczna dramaturgia. Książka ta jest sprytną mieszanką dark romance, studium postaci, groteskowego psychothrillera i brawurowej powieści inicjacyjnej. Jest też znakomitym narzędziem do ćwiczenia się w tolerancji dla wieloznaczności, tej niezbędnej umiejętności w epoce radykalnego i zabsolutyzowanego indywidualizmu.
Fragment recenzji książki autorstwa Jana Dreesa.
Z języka niemieckiego przełożyła Anna Wziątek.
Fragment książki w oryginale i przekładzie Anny Wziątek na język polski dostępny na stronie Instytutu Goethego: https://www.litrix.de/pl/buecher.cfm?publicationId=3964
Die oben genannten Empfehlungen wurden in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut in Krakau im Rahmen des Projekts LITRIX erstellt, das vom Goethe-Institut durchgeführt wird. Mehr über das Projekt: https://www.litrix.de/de/index.cfm