WYDAWCA: STOWARZYSZENIE WILLA DECJUSZA & INSTYTUT KULTURY WILLA DECJUSZA
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Vater der Lüge (Auszug aus dem Roman „Lichtspiel“)

Sein Freund und Kollege Käutner hatte eine Wohnung in der Bleibtreustraße. Pabst ließ seinen Koffer im Hotel und ging eine halbe Stunde um den Savignyplatz herum, bis er sicher war, dass niemand ihm folgte.

Überall war das Hakenkreuz. Rot flammte es von den Fassaden, blähte sich im Wind, flappte von den Dächern, auf jeder Mauer prangten seine schwarzen Zacken. Dreimal sah er Umzüge: Trommeln und braune Uniformen und scharfer Gleichschritt. Passanten blieben stehen und hoben die rechte Hand, und Pabst, weil er nicht auffallen wollte, tat zögernd das Gleiche – eine Sekunde nur, mit zuckender Schulter, danach fühlte er sich beschmutzt bis ins Innerste.

Schlimm sei es, sagte Käutner leise, als sie in seinem Wohnzimmer saßen, und dann auch wieder nicht so schlimm. Die UFA sei erstaunlich unpolitisch geblieben, sie lasse jeden seine Arbeit machen, selbst verbotene Drehbuchautoren schrieben unter Pseudonym weiter. Natürlich müsse man höllisch achtgeben, nichts Falsches zu sagen, seit Kriegsbeginn noch mehr als früher. Aber wenn man sich daran gewöhnt habe und die Regeln kenne, fühle man sich beinahe frei.

Er läutete an der Tür. Draußen stand ein kleiner sympathischer Mann, noch keuchend vom Aufstieg in den dritten Stock; er hatte zwei Flaschen besten Rotweins dabei. Das war der Schauspieler Heinz Rühmann.

Er kam geradewegs aus Babelsberg. Sie drehten dort den Film Der Florentiner Hut, erzählte er, nach einem Stück von Labiche, unter Liebeneiners Regie, blitzend heiter und gescheit, einer der besten Filme, in denen er je gespielt habe. Er klatschte in die Hände und rezitierte Dialoge. Dann imitierte er Liebeneiners Art, mit den Fingern zu schnipsen, wenn ihm Einfälle kamen, was, sagte er, oft der Fall sei, Liebeneiner sei voll von Einfällen, ein herrlicher Regisseur! Und keine Nazis weit und breit! Man könnte meinen, in einem anderen Land zu sein! Sogar Witze über den fetten Göring oder den steifen Ribbentrop würden erzählt. Alles sei frei und lustig und wild!

Käutner schloss das Fenster. Hier sei man aber nicht in Babelsberg, sagte er warnend, er habe neue Nachbarn.

Die früheren Bewohner seien weg, jetzt wohnte da ein Ehepaar, beide in der Partei.

Die Hauptfigur des Films, erzählte Rühmann ungerührt, gespielt natürlich von ihm, wechsle ständig zwischen Handlung und Kommentar, auch werde die subjektive Kamera aufs Intelligenteste eingesetzt, es sei die reine Freude!

Pabst trank und bemühte sich zuzuhören, aber immer wieder liefen seine Gedanken voraus zu dem, was morgen bevorstand. So trank er mehr und öffnete schon die zweite Flasche und nickte interessiert, als Käutner sagte: «Du wirst sehen, sie brauchen uns mehr, als wir sie brauchen!»

Deutschland importiere ja keine Filme mehr, sagte Rühmann. Und die Kinos müsse man dennoch füllen, das gehe nicht nur mit Propaganda, also sei man angewiesen auf die paar Leute, die wüssten, wie man gute Filme mache.

Einige hätten es nach Hollywood geschafft, sagte Käutner, Zinnemann zum Beispiel und natürlich Fritz Lang! Aber wer nicht so viel Glück gehabt habe, der müsse halt hier tun, was er könne. Müsse sauber bleiben, so wenige Kompromisse wie möglich machen. Eben seine Arbeit tun.

Ganz ohne Kompromisse gehe es natürlich nicht, sagte Rühmann. Er habe sich von Maria scheiden lassen müssen, sonst hätte er nicht mehr arbeiten können. Er habe ihr dann selbst einen schwedischen Kollegen als neuen Scheinehemann vermittelt, den Rolf. Er überweise den beiden monatlich Geld, Göring habe das Arrangement abgesegnet. So sei allen geholfen: Er könne drehen, Maria sei sicher, Rolf verdiene gut.

Pabst fragte, wo sie denn lebe, die Maria.

Na bei Rolf, sagte Rühmann. Wo sonst! Der sei doch ihr Mann!

Dann tranken sie eine Zeitlang schweigend. Reihum schenkten sie nach, hoben die Gläser, stellten sie wieder ab, schenkten ein, bis die Flasche leer war.

Ja doch, man könne gut arbeiten, wiederholte Rühmann schließlich. Jetzt, wo die UFA de facto verstaatlicht sei, stehe mehr Geld denn je zur Verfügung, und trotz des Krieges sei alles erstaunlich gut organisiert, weil die Entscheidungswege so kurz geworden seien.

Alles liege bei Reichsfilmintendant Hippler, und der frage immer beim Minister nach.

«Und wie ist der Minister?», fragte Pabst.

Ärgern dürfe man ihn halt nicht, sagte Käutner. «Sag ihm klar, wozu du bereit bist und wozu nicht», sagte Rühmann. «Man kann viel aushandeln. Wenn man sagt, Herr Reichsminister, Propaganda liegt mir nicht, ich bin Künstler, bei der Politik bleibe ich außen vor … Akzeptiert er!»

Es gebe nichts auszuhandeln, sagte Pabst. Er sei zu gar nichts bereit!

Rühmann und Käutner wechselten einen Blick.

«Sag ihm vielleicht, du bist in einer Krise und schreibst nur noch Gedichte», schlug Rühmann vor.

Käutner drehte die leeren Flaschen um, aber leider war nichts zu machen. Mehr Wein hatten sie nicht.

Letztlich sei der Minister ja auch nur ein Filmproduzent, sagte Rühmann.

Wenn auch ein ungewöhnlich mächtiger, sagte Käutner. Man müsse sich vorstellen: Willi Forst habe für seinen letzten Film unbedingt Theo Lingen gewollt. Aber Lingen habe das Drehbuch nicht gemocht, oder vielleicht auch Forst nicht, jedenfalls habe er nein gesagt. Habe sich auf andere Verpflichtungen hinausgeredet. Also sei Forst zum Minister gegangen, und der habe gesagt: Lieber Forst, ich verspreche Ihnen, Lingen hat keine anderen Verpflichtungen, und hätte er sie gehabt, er hätte sie jetzt nicht mehr! Na was sei dem Lingen also übrig geblieben!

Pabst erhob sich ein wenig wackelig, was teils an seiner schmerzenden Hüfte lag und teils daran, dass er nach den letzten Monaten keinen Wein mehr gewöhnt war.

Er müsse auch nach Hause, sagte Rühmann, es sei arg spät geworden!

So leise wie möglich gingen sie die Treppe hinunter.

Auf Zehenspitzen traten sie ins Freie. «Hals- und Beinbruch morgen», sagte Rühmann leise. Und dann war er, so plötzlich wie er erschienen war, auch wieder verschwunden.

Auf dem Weg zum Hotel verirrte sich Pabst, orientierte sich, verirrte sich wieder. Es half nicht, dass er Berlin gut kannte, die Straßen schienen auf tückische Weise neu angeordnet; etwas daran, wie sie zueinanderführten, Winkel bildeten und sich in Kurven legten, war jetzt so anders und neu, dass Pabst sich fragte, ob er irgendwie in eine verdrehte Spiegelwelt geraten war. Drüben in Amerika hatte er so oft geträumt, dass er sich plötzlich im von den Unmenschen beherrschten Berlin befand, dass es ihm jetzt einfach nicht wirklich vorkommen wollte, dass er tatsächlich da war.

Er blieb stehen, ging weiter, blieb wieder stehen und musste sich für einen Moment an eine Hausmauer lehnen, so schwach fühlte er sich. Als er um sich sah, schienen die Kanten der Häuser schief, unter den Laternen lagen Schlagschatten, die dunkler waren als schwarz; und während unten die Straße sehr gerade in eine endlose Ferne davonrollte, stach droben ein Schornstein in einen übergroßen Mond. So hatten Filme vor fünfzehn Jahren ausgesehen, und seltsamerweise beruhigte ihn dieser Gedanke so sehr, dass es ihm möglich war weiterzugehen, bis er schließlich sein Hotel fand.

An der Rezeption nahm er den Schlüssel entgegen, stieg in einem Treppenhaus empor, das sich unter wie über ihm in eine absurde Länge zu strecken schien, obgleich er ja wusste, dass das Savoy nicht sehr hoch war – immer weiter und weiter, sodass er laufen musste, damit sein Stockwerk ihm nicht entkam. Er fand keuchend sein Zimmer, fiel aufs Bett, streifte die Schuhe ab, nestelte sich aus dem Jackett, zog im Liegen die Hose aus und schloss die Augen – dankbar, dass er endlich schlafen durfte.

Es klopfte an der Tür.

«Was denn?», rief Pabst. «Was ist, was wollen Sie?»

Eine ruhige Stimme sagte, dass sein Wagen hier sei.

«Mein Wagen?»

«Ist da.»

«Jetzt?»

Die Stimme antwortete nicht. Pabst stand auf, öffnete die Tür und rief wütend, dass das ein Irrtum sein müsse. Er werde doch nicht mitten in der Nacht abgeholt, sondern morgen früh, um zehn Uhr, so sei es ausgemacht!

Der livrierte Junge, der kaum älter sein konnte als Pabsts Sohn, sah ihn mit stumpfem Ausdruck an. Er bitte um Entschuldigung, sagte er schließlich, aber es sei genau zehn.

Pabst tappte zum Fenster und riss die Vorhänge auf: Licht strömte herein, Autos fuhren, Menschen gingen auf den Gehsteigen, das Spiegelbild der Sonne flammte in einem Dutzend Fensterscheiben. 

Atemlos begann er sich anzuziehen. Das Hemd hatte er ja noch an, und die Krawatte hing gelockert um seinen Hals, sodass er sie nur wieder eng zurren musste. Hose und Jackett aber lagen zerknüllt auf dem Boden, und seine Socken hatten sich unterm Bett zu kleinen Schnecken geballt. Ich habe doch nicht geschlafen, dachte er, während er all den Stoff an seinem Körper befestigte, ich bin eben erst hereingekommen! Doch es half nichts, die Sonne schien, das Auto stand unten. Während er in dem schwarzen Wagen saß, der ihn lautlos durch die Helligkeit des Vormittags trug, fragte er sich, ob ihm jemand etwas in den Wein gemischt hatte. Eine der Flaschen, die Rühmann gebracht hatte, war vorher schon offen gewesen, der Korken schief hineingesteckt, und im Grunde kannte er diesen koboldhaften Mann doch kaum. Er zuckte zusammen. Eine Frau, die einen Kinderwagen den Bürgersteig entlangschob, hatte nur ein Auge gehabt und dieses auch noch zyklopenhaft in der Mitte. Aber er musste sich getäuscht haben, das Auto fuhr so schnell, dass er sie nur für einen Moment hatte sehen können. Er rieb sich die Schläfen und starrte auf den breiten Nacken des uniformierten Fahrers: Eine Falte lief mitten durch und teilte ihn in zwei gleich große speckige Felder.

Sie bogen auf den Wilhelmplatz ein. Vor ihm erstreckte sich ein langes, steingraues Haus, das musste das Ministerium sein. Jemand öffnete die Autotür,

Pabst stieg aus, jemand sagte: «Folgen Sie mir.»

Der Weg durchs Ministerium dauerte lang. Das Gebäude schien innen größer zu sein als außen – es überraschte ihn, wie vernünftig ihm dieser Gedanke vorkam. Ein Gang führte eine halbe Ewigkeit geradeaus, dann zweigte ein Gang nach links ab und lief mindestens ebenso lange schnurgerade dahin: Der uniformierte Mann, der ihn beim Auto abgeholt hatte, ging vor ihm, ohne sich auch nur einmal umzudrehen. Männer in Zivil und Männer in Uniformen und dann und wann sogar eine Frau kamen ihnen entgegen, fast alle trugen Aktenmappen. Als der Gang endlich endete und ein weiterer Gang rechtwinklig abbog, und zwar nicht nach links, sondern nunmehr nach rechts, was geometrisch keinen Sinn ergab, war Pabst auf einmal fast sicher, dass sie irgendwann umgekehrt und zurückgegangen waren und sich wieder im ersten Gang befanden – ein Trick, den er selbst immer wieder bei langen Kamerafahrten verwendet hatte.

Da öffnete der Mann vor ihm eine Tür. Sie hatte keine Nummer und sah genau wie alle anderen aus. Wie hatte er die richtige finden können? Zackig trat er zur Seite und gab den Weg frei.

Pabst hatte ein großes Büro erwartet, nicht aber ein so großes. Der Raum hätte über hundert Menschen fassen können; aber alles, was er enthielt, war ein riesiger Teppich und, weit entfernt, ein Schreibtisch mit einem Telefon und zwei Stühlen. An der Wand dahinter – so weit weg, dass man blinzeln musste, um es zu erkennen – hing ein golden gerahmtes Bild des Führers.

Hinter dem Schreibtisch saß der Minister.

Das überraschte Pabst. Denn normalerweise ließ man doch, wenn man mächtig war, die Leute warten. Aber der Minister saß da, blickte auf, machte eine heranwinkende Handbewegung und rief: «Pabst, Heil Hitler, kommen Sie!»

Pabst setzte sich in Bewegung. Die ganze Zugfahrt nach Berlin hatte er gegrübelt, was er dem Minister sagen würde. Er hatte alle Möglichkeiten erwogen, alle Züge und Gegenzüge durchdacht und schließlich eine Strategie entwickelt, an die er sich jetzt nicht einmal im Ansatz erinnern konnte.

Und er ging immer noch auf den Schreibtisch zu. In so einem großen Zimmer konnte man unmöglich arbeiten, derart groß waren vielleicht Bahnhofshallen, aber nicht Büros.

«Wie war die Reise?», rief der Minister. «Wie geht’s der Familie? Der Frau Mutter?»

«Danke, gut», sagte Pabst. Wie war es möglich, dass er den Schreibtisch noch immer nicht erreicht hatte?

«Wir haben uns ja noch nie getroffen», sagte die berühmte hohe Stimme mit dem rheinischen Akzent.

«Großer Bewunderer! Palü, herrlich! Westfront, Meisterwerk! Gasse, politisch nicht so meins, aber die Garbo, Gott, die Garbo!» Er lachte spitz. «Freut mich, freut mich, freut mich!»

Pabst war jetzt schon nahe genug, um das hagere, seltsam jugendliche Gesicht genauer sehen zu können: Bleich war es, etwas verschwitzt, unter den tiefen Augenhöhlen traten die Wangenknochen so stark hervor, als ob er etwas Hartes zu zerbeißen versuchte.

Pabst überlegte, ob ein kurzes «Mich auch» ein zu großes Entgegenkommen war oder eine leere Floskel; aber noch bevor er sich selbst darauf eine Antwort gegeben hatte, hörte er sich sagen: «Mich auch!»

«Das freut mich, dass Sie das freut. Nehmen Sie Platz, freuen wir uns zusammen!»

Und endlich hatte Pabst den Schreibtisch erreicht. Er zog den Besucherstuhl heran und setzte sich. 

Der Minister lächelte. Seine Hände lagen flach auf der leeren Tischplatte. «Der rote Pabst.»

Pabst schluckte. Er wusste darauf keine Antwort.

In diesem Moment ging zu Pabsts linker Hand, in der Mitte der weißen Wand, eine Tür auf, und der Minister trat ein. Er hob die Hand, sagte «Heil Hitler» und ging mit zackigen Schritten, die ein leichtes Hinken auf der rechten Seite nicht ganz verbargen, auf den Schreibtisch zu, an dem Pabst und er selbst saßen.

«Wie war die Reise», rief er im Gehen. «Wie geht’s der Familie? Wir haben uns ja noch nie getroffen.»

Er erreichte den Schreibtisch, wo der Minister aufstand, um Platz zu machen, und die beiden Männer wurden in einem unscharfen Vorgang zu einem einzelnen Mann, der sich hinsetzte und «Es freut mich wirklich» sagte.

«Mich auch», sagte Pabst. Da er es schon gesagt hatte, fiel es ihm jetzt leichter. Es kam nicht mehr darauf an.

Der Minister legte seine Hände flach auf die Tischplatte, lächelte und sagte: «Der rote Pabst.»

Pabst wurde es schwindlig. «

Ich höre», sagte der Minister.

«Bitte?»

«Nun?»

Pabst rieb sich die Schläfen.

«Kommen Sie», sagte der Minister. «Sie wollten mich sprechen. Ich höre.»

«Ich habe nicht … Sie haben mich rufen lassen!»

«Und?»

«Bitte?»

«Ich höre.»

Pabst begriff nicht. Was meinte dieser Mann, was wollte er? Dieser Mann, mit dem er einst, in einem Leben, das unwiderruflich vorbei war, nicht einmal drei Sätze gesprochen hätte und den er von seinem Filmset hätte jagen lassen, wenn er es gewagt hätte, dort aufzutauchen.

«Sie spielen die Unschuld vom Lande», sagte der Minister.

«Na bitte. Des Menschen Wille ist sein Himmelreich. Es gibt halt Dinge, die nicht gesagt werden.»

Pabst verstand nicht.

«Also gesagt wird, dass Sie hier zu mir gekommen sind. Der rote Pabst. Der kommunistische Regisseur. Der linke Held.»

«Ich bin kein – »

«Nicht gesagt wird bitte, dass ich Sie habe rufen lassen. Weil es besser ist, wenn Sie von sich aus gekommen sind. Ein wenig besser für mich. Aber vor allem auch besser für Sie.»

Der Minister sah ihn lächelnd an. Pabst, dem nichts anderes zu tun einfiel, nickte.

«Und?», fragte der Minister. «Was wollen Sie?»

Pabst runzelte die Stirn. «Was ich will … ?» 

«Sie wollten mich sehen, ich habe Sie empfangen. Was möchten Sie von mir?»

«Ich möchte nichts.»

Der Minister lächelte. Er schloss die Augen. Eine kurze Weile saß er reglos. Es war ganz still, kein Geräusch von der Straße drang durch die hohen Fenster. Pabst hörte die Luft rauschen. Seine Kehle war so trocken, dass er nicht zu schlucken vermochte.

«Zweiter Versuch», sagte der Minister, ohne die Augen zu öffnen. «Ein Wort, das auch nicht gesagt werden soll, vor allem nicht von mir, das ist: Canossa. Sie sind hier, weil Sie zu Kreuz kriechen möchten. Sie sind hier, um Frieden und Vergebung zu erbitten. Und zwar von sich aus. Dann können wir weiterreden. Und zwar über das, was ich für Sie tun kann. Was ich Ihnen bieten kann. Aber ohne Canossa wird’s leider nicht abgehen.»

«Das ist ein Missverständnis», sagte Pabst. «Ich bin nach Österreich –»

«Ostmark.»

«Ich bin in meine Heimat zurückgekommen, um nach meiner Mutter zu sehen. Ich bin kein politischer Mensch, und ich habe zurzeit nicht die Absicht, weiterhin Filme …»

Er verstummte. Der Minister war verschwunden.

Pabst beugte sich vor. Tatsächlich: Er musste blitzschnell unter den Tisch geglitten sein. Die steinerne Tischplatte lag auf drei senkrechten massiven Holzplatten, sodass der Tisch nur nach hinten offen war und Pabst nicht sehen konnte, was darunter vor sich ging. Aber er hörte ein Knarren und Quieken, ein Reißen und Scharren.

«Herr Doktor?» Der Minister tauchte wieder auf. Er wuchtete sich empor in den ledernen Stuhl, verschränkte die Arme und sah Pabst erwartungsvoll an.

«Ich habe nicht die Absicht, weiter Filme zu machen.»

«Falsche Antwort», sagte der Minister. «Falsche Antwort, falsche Antwort, falsche Antwort, falsche Antwort, falsche Antwort.»

Beide schwiegen.

Pabst holte Luft, aber der Minister unterbrach, bevor er sprechen konnte: «Jetzt wär’s gut, wenn die richtige Antwort käme.»

Pabst öffnete den Mund.

«Bedenken Sie, was ich Ihnen bieten kann», unterbrach der Minister, «zum Beispiel KZ. Jederzeit. Kein Problem. Aber das meine ich ja gar nicht. Ich meine, bedenken Sie, was ich Ihnen auch bieten kann, nämlich: alles, was Sie wollen. Jedes Budget, jeden Schauspieler. Jeden Film, den Sie machen wollen, können Sie machen. Aber das wissen Sie. Deshalb haben Sie mich ja aufgesucht. Deshalb gehen Sie nach Canossa.»

Pabst holte Luft.

«Jetzt sind Sie an der Reihe», unterbrach der Minister.

Pabst nickte und versuchte es wieder. «Ich habe lange genug gesprochen», sagte der Minister.

«Jetzt auch mal Sie.»

Pabst atmete aus, atmete wieder ein, öffnete den Mund.

«Oder hat es Ihnen die Sprache verschlagen?», fragte der Minister. «Das kommt schon mal vor in diesem Büro. Es wär nicht das erste Mal.»

Pabst holte Luft. Der Minister schwieg. Pabst war so verblüfft darüber, dass er vergaß, was er hatte sagen wollen. Er räusperte sich, der Minister schwieg noch immer, und Pabst setzte an: «Ich habe aus persönlichen Gründen zurzeit –»

Das Telefon auf dem Schreibtisch läutete.

«Heilige Scheiße», sagte der Minister und nahm den Hörer ab. «Ich habe doch», sagte er ins Telefon, «ausdrücklichste Anweisung gegeben, dass ich in keinem Fall unterbrochen zu werden wünsche.»

Ein jaulendes Geräusch kam aus dem Telefon. Es schwoll an und ab, es zitterte und klirrte, und es waren darin keine menschlichen Laute auszumachen.

«Moment!» Der Minister senkte den Hörer. «Pabst, nur ein Augenblick, schweigen Sie kurz still, das hier ist wichtig.» Er presste den Hörer wieder ans Ohr und sagte: «Weiter!»

Eine Weile horchte er auf das wimmernde Geräusch. Seine auffallend weißen Zähne waren zu einem Grinsen entblößt.

«Na geben Sie ihm Saures», sagte er. «Schenken Sie ihm ein, ja ja? Was?» Er hörte wieder kurz zu, dann stieß er einen Wutschrei aus und schlug den Hörer so fest auf die Tischplatte, einmal, zweimal, ein drittes Mal, dass dieser zersplitterte.

«Scheiße», sagte der Minister, senkte den Kopf und tastete an der Tischkante entlang. Schließlich fand er den Knopf, nach dem er gesucht hatte, sagte erneut «Scheiße» und drückte darauf.

In derselben Sekunde, oder eigentlich sogar schneller, nämlich so schnell, dass Pabst geschworen hätte, dass es nicht bloß gleichzeitig, sondern sogar einen Moment vor dem Knopfdruck geschah, ging die Tür auf, und ein uniformierter Adjutant kam herein.

«Neues Telefon!», schrie der Minister.

Der Adjutant salutierte und wirbelte herum, die Tür knallte zu, sie waren wieder allein.

«Pabst», sagte der Minister. «Entschuldigung. Ich höre.»
«Ich habe aus persönlichen Gründen bis auf weiteres nicht die Absicht, Filme zu drehen. Ich glaube, ich habe alles gesagt als Künstler, was ich zu sagen hatte. Ich bin nicht mehr jung, ich hatte im September einen schweren Sturz. Ich habe Schmerzen. Ich fühle mich außerstande – »

Die Tür ging auf, und vier Männer brachten ein Telefon. Einer machte sich an der Wand zu schaffen, einer montierte das zerstörte Gerät von seinem Kabel ab, ein weiterer montierte das neue, einer hielt den Werkzeugkasten.

«Schauen Sie auf die Uhr?», fragte der Minister. «Wieso?» Alle vier traten zurück und salutierten.

«Eine Minute vierzehn», sagte einer.

«Eins vierzehn», sagte der Minister ungläubig.

«Mein lieber Herr Gesangsverein! Abtreten!»

Die Männer hoben schweigend die Arme; im nächsten Moment waren sie hinaus.

«Ich bitte Sie um Verständnis, dass ich allein schon aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr – »
«Aber es tut Ihnen leid?»

«Bitte?»

«Sie haben kommunistische Propaganda betrieben, Sie waren ein Feind des deutschen Volks, Sie haben mit anderen Volksfeinden und mit Juden gemeinsame Sache gemacht. Eigentlich ist das alles unverzeihlich. Und dennoch sitzen Sie vor mir, trinken Kaffee und …» Der Minister verstummte, nahm den Telefonhörer, schrie «Kaffee!» und legte auf. «Wo war ich? Ja, dennoch sitzen Sie vor mir und bitten um Vergebung und sagen, dass Sie im Irrtum waren und dass es Ihnen leidtut … Ja?»

Der Minister sah Pabst erwartungsvoll an.

«Kommunist war ich nie. Und was meine Filme betrifft–»

Zwei Adjutanten trugen Silbertabletts mit Tassen, einer Porzellankanne, einer Milchkanne, einer Zuckerdose heran. Die Kanne war aus grünweißer Gmundner Keramik, Zuckerdose und Tassen ebenso, nur das Milchkännchen war aus Edelstahl und hatte ein kleines Hakenkreuz eingraviert. Die beiden schenkten Kaffee ein, grüßten und bewegten sich im Laufschritt zur Tür, schon waren sie wieder hinaus.

Um ein wenig Zeit zu gewinnen, beugte Pabst sich vor, nahm seine Tasse und führte sie vorsichtig zum Mund. «Ich war nie Kommunist. Ich habe, bei allem Respekt, auch keine Propaganda –»

«Sie verkennen die Lage. Ich diskutiere nicht. Wenn Sie nur die geringste Idee hätten, was Ihnen blühen kann, würden Sie es nicht mal versuchen. Es ist, wie es ist, und wie es ist, sage ich, und alles, was Sie hier sagen ist: Es tut mir leid! Und Sie sagen: Ich weiß es jetzt besser! Und: Ich habe meine Fehler erkannt. Und ich will das Meine tun für den Aufbau eines neuen Deutschland. Also?»

Pabst öffnete langsam den Mund, aber diesmal geschah nichts, es gab keine Unterbrechung, sie saßen invölliger Stille.

Pabst räusperte sich wieder. Er atmete aus. Er atmete wieder ein.

Der Minister sah ihn an.

«Es tut mir leid», sagte Pabst. «Es war ein Missverständnis. Ich wollte nie Feinden –»

«Volksfeinden.»

«… Volksfeinden helfen.»

«Sie wissen es jetzt besser?»

Pabst kam es vor, als hätte ihn alle Lebenskraft verlassen. Er nickte.

«Haben Ihre Fehler erkannt?» Pabst nickte.

«Ich hör’s nicht.»

«Ja.»

«Sie müssen es schon sagen.»

«Ich weiß es besser, ich habe meine Fehler erkannt.»

«Und?»
Pabst rieb sich die Stirn. Die Worte kamen jetzt ein wenig leichter. «Ich will das Meine tun. Für den Aufbau … Deutschlands.»

«Danke», sagte der Minister. «Ich will es Ihnen gestehen, darauf war ich nicht gefasst. Dass Sie herkommen und in solcher Weise … ich verhehle es nicht, es rührt mich, und da fällt mir ein, ich habe genau das richtige Drehbuch.» Er nahm den Hörer und rief: «Komödianten.» Augenblicklich kam ein neuer Mann, diesmal durch eine andere Tür, und brachte einen zusammengehefteten Stoß Papier.

«Ich bedauere sehr», sagte Pabst. «Schon aus gesundheitlichen Gründen fühle ich mich außerstande – »

«Keine Sorge!», unterbrach der Minister. «Lieber Pabst, trefflicher Mann, seien Sie beruhigt! Wir nehmen Ihre Entschuldigung an und Sie mit Freuden auf! Es ist nie zu spät!»

«Ich mache keine Filme mehr!», rief Pabst.

«Das können Sie Ihrer Oma erzählen. Sie sind heim ins Reich gekommen. Sie wollen Filme machen. Keine politischen, sondern idealische Filme. Künstlerische Filme. Hehre Filme. Filme, die guten, tiefen, metaphysischen Menschen ans deutsche Herz gehen. Tiefe Filme für tiefe Menschen! Und das wollen wir auch. Der amerikanischen Dutzendware, dem Kommerzmüll ein großes Nein entgegenwerfen. Zum Beispiel – durch das hier.» Er schlug mit der Faust auf den Papierstoß. «Das hier.» Er zögerte, schlug wieder. «Caroline Neuber, Pabst! Die Erfinderin des deutschen Theaters, Pabst! Die Gönnerin Lessings, Pabst! Das Drehbuch ist von zwei Weltbühne-Schreibern, linkem Gesindel, Leuten wie Sie, die im KZ sein sollten, die aber die Wahrheit erkannt und das Licht gesehen haben. Ein ganz unpolitischer Stoff, Pabst. Soll auch so bleiben. Ideal soll es werden. Metaphysisch, edel. Eine Rolle für die große Käthe Dorsch. Ihr Gegenüber als Herzogin, würde ich sagen, das wird Henny Porten. Pabst, der Regisseur der Frauen. Alles in Butter!»

«Meine Gesundheit erlaubt es leider nicht –»

«Was fehlt Ihnen denn? Doch nicht wirklich diese Kleinigkeit mit der Hüfte! Das kann’s doch nicht sein! Brauchen Sie einen Arzt? Besorgen wir.»

«Es ist nicht nur die Hüfte, Herr Minister. Ich habe verschiedene –»

Der Minister riss das erste Blatt aus dem Drehbuch, knüllte es zu einer Kugel, warf es weg und rief: «Mit Herr Doktor anreden!»

«Entschuldigung, Herr Doktor. Es ist nicht nur die Hüfte, ich habe verschiedene –»

«Ach lesen Sie’s einfach! Sie verpflichten sich zu nichts, lesen Sie, wägen Sie es ab, schauen Sie, was Ihr Herz sagt. Es hat ja keine Eile. Der Film ist für Sie!

Wenn Sie ihn nicht wollen, dann macht ihn keiner!» Er sah Pabst mit fast liebenswürdigem Lächeln an, dann riss er ein weiteres Blatt heraus, zerknüllte es und warf es hinter sich. «Nehmen Sie das Ding mit», sagte er dann, «überlegen Sie, besprechen Sie es mit Ihrer verehrten Frau Gemahlin.» Er schoss aus seinem Stuhl in die Höhe und streckte den Arm aus – nicht schräg empor, sondern waagrecht zum Händeschütteln.

Zögernd erhob Pabst sich auch. Die Haut des Ministers fühlte sich warm und gummiweich an. Pabst wollte sofort loslassen, aber der Minister hielt fest – fünf Sekunden, und wohl noch einmal fünf. Dann erst ließ er los. Immerhin, dachte Pabst, war ihm der Hitlergruß erspart geblieben.

«Heil Hitler!», sagte der Minister und hob langsam den Arm.

Pabst zögerte nur einen Moment. Dann tat er das Gleiche.

Der Minister sah ihm fragend ins Gesicht.

«Heil Hitler», sagte Pabst.

«Vergessen Sie Ihr Drehbuch nicht. Und denken Sie daran, hier werden Sie geschätzt. Hier wird das, was Sie tun wollen, möglich gemacht.»

Pabst murmelte etwas, das vielleicht wie ein Dank klingen mochte, nahm das Buch und wandte sich zur Tür.

«Wir behandeln nämlich unsere großen Künstler nicht wie Lakaien», sagte der Minister. «Wir wissen, was wir an ihnen haben. Und wir vergessen es nicht.»

Pabst begann in Richtung der nächstgelegenen Tür zu gehen.

«Geben Sie mir Bescheid, wenn es Ihnen gefällt. Und wenn es Ihnen nicht gefällt, und Sie wollen ein anderes, das sagen Sie mir auch. Wissen Sie, wie Sie mich erreichen?»

Pabst blieb stehen. «Wie?»

«Sie könnten das Ministerium anrufen. Sie könnten einen Brief schreiben. Sie könnten sich auf die Straße stellen, irgendeine Straße, und sprechen. Oder Sie knipsen nachts das Licht an und sagen laut, was Sie zu sagen haben. Funktioniert auch. Ich erfahre es.»

Pabst sah ihn an. Der Minister sah Pabst an.

«Ha», sagte der Minister. «Ha! Ha! Ha! Ha!» Und dann, nach diesem Anlauf, lachte er wirklich – ein hohes Meckern, das einen Schauder über Pabsts Rücken laufen ließ.

Pabst ging weiter auf die Tür zu, die vor ihm zurückzuweichen schien. Er ging schneller, die Tür wich noch schneller zurück, er ging noch schneller, aber mit einem Mal hatte der Raum sich umgefaltet, sodass er an der Decke hing und mit dem Kopf nach unten ging, oder richtiger: Er ging abwärts und stemmte sich gegen das Gefälle des Teppichbodens, aber noch bevor er sich fragen konnte, ob er jetzt wirklich den Verstand verlor, war er an der Tür und hinaus und auf dem langen Gang, der sich fast normal verhielt und nur ein wenig schlingerte, während der gleiche Uniformierte wie vorhin, der offenbar die ganze Zeit gewartet hatte, ihn schweigend zum Ausgang führte.

War es gut gegangen? Offenbar, denn er war schließlich noch frei. Er war nicht verhaftet, nicht auf dem Weg ins Konzentrationslager, vielmehr würde er nach Hause fahren, in das Schloss, in dem er wohnte.

Die hohen Tore schwangen auf, sie traten auf die Straße. Gierig atmete Pabst die frische Luft ein. Sein Auto wartete mit laufendem Motor.

«Bitte gleich zum Bahnhof», sagte Pabst.

«Nicht ins Hotel?», fragte der Fahrer.

«Nein, Lehrter Bahnhof, gleich!»

Ja, es war gut gegangen, weil er Zeit gewonnen hatte. Er würde dieses Drehbuch lesen, er würde in ein paar Wochen einen verschwommenen Brief mit ein paar Fragen schicken, dann würde er ankündigen, es ein wenig zu überarbeiten, und so würden die Monate vergehen. Vielleicht war der Krieg dann schon vorbei, und wenn nicht, würde sich früher oder später eine Gelegenheit bieten, in die Schweiz zu fliehen. Und Mama würde in ein Sanatorium kommen. Alles was er dafür hatte tun müssen, waren eine Handbewegung und ein paar Worte. Einen Film endlos hinauszögern, das konnten nicht nur die Produzenten. Wenn es nötig war, vermochte er das auch.

Mit zitternden Händen schlug er das Drehbuch auf. Die ersten zwei Seiten hatte der Minister herausgerissen, sodass die Szene mitten im Satz begann. Pabst putzte mit seiner Krawatte die beschlagene Brille und begann zu lesen.

Auszug aus dem Roman „Lichtspiel“, Rowohlt Verlag, 2023.

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Kehlmann Daniel [autor]

Daniel Kehlmann – ur. 1975, niemiecki pisarz, eseista, dramaturg. Autor kilkunastu powieści. Laureat wielu nagród, m.in. Candide Preis, Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung, The Heimito von Doderer-Literaturpreis, Kleist-Preis czy Thomas-Mann-Preis.