WYDAWCA: STOWARZYSZENIE WILLA DECJUSZA & INSTYTUT KULTURY WILLA DECJUSZA
AAA
PL DE UA
New Books from Germany and Austria

Dorothee Elmiger, Die Holländerinnen, Hanser Verlag, Berlin 2025.

Im Jahr 2014 verschwinden im Dschungel von Panama zwei junge Holländerinnen spurlos. Wochen später findet man nur noch Reste ihrer Skelette. Der reale Fall konnte bis heute nicht aufgeklärt werden. Zwei Handys wurden gefunden, die eine seltsame Fotodokumentation der letzten Tage im Leben der Studentinnen offenbaren. Wollten die jungen Frauen ein Signal geben? Wollten sie etwas dokumentieren? Waren sie überhaupt noch am Leben? Der Fall beschäftigt die panamaischen Behörden sowie eine Weltgemeinde von Privatdetektiven bis heute. Er bildet die Ausgangslage für Dorothee Elmigers Spurensuche, die Essay, Fiktion und Dokumentation zu einer mitreißenden und vor allem denkenden Erzählung kompiliert.

Natürlich weiß auch Dorothee Elmiger nicht, was 2014 im Dschungel von Panama geschehen ist. Niemand weiß das. Aber wie alle guten Romane, die eine philosophische Recherche darstellen, leben auch „Die Holländerinnen“ vom Glanz einer nicht näher zu definierenden Ahnung. Elmiger entwickelt den Stoff der niederländischen Studentinnen mit ihren eigenen Mitteln fort zu einem Forschungstagebuch, das manchmal an den dokumentarischen Horrorfilm „Blair Witch Project“ aus den neunziger Jahren erinnert. Das unheimliche Momentum von Gewalt und Femizid bei Roberto Bolaño und David Lynch drängt sich zwischen die Zeilen. Einmal heißt es in den „Holländerinnen“, dass es im Leben darum gehe, „die Verstrickungen, Verbindungen, das Synchrone und scheinbar Zufällige“ zu sehen. Dieser Roman sieht es nicht nur, er führt es auf – zusammen mit den Lesern. Deswegen ist der Roman in einem schlüssigen Konjunktiv verfasst, der einem jederzeit die Unsicherheit von allem, was erzählbar ist, vor Augen führt.

Auszug aus einer Buchbesprechung von Katharina Teutsch.

Auszug aus dem Buch im Original und in der Übersetzung ins Polnische von Zofia Sucharska finden Sie auf der Website des Goethe-Instituts: https://www.litrix.de/de/buecher.cfm?publicationId=3914


Kaleb Erdmann, Die Ausweichschule, Ullstein Verlag, Berlin 2025.

Irgendwo muss etwas ja immer anfangen. Warum also nicht in einer Frankfurter Apfelweinwirtschaft? Dort sitzt der Ich-Erzähler von Kaleb Erdmanns Roman eines Abends zufällig mit einer Gruppe von Freunden an einem Tisch neben einer anderen Gruppe. Handwerker aus Thüringen, wie sich herausstellt. Man kommt ins Gespräch. Über Thüringen, über Erfurt. Erdmanns Erzähler, dessen Biografie der des Schriftstellers Erdmann sehr ähnlich ist, erzählt, dass er dort auch einmal drei Jahre gewohnt hat. Dass er auf dieser Schule gewesen sei, auf dem Gutenberg-Gymnasium, zu jener Zeit als... Der Steini, so sagt sein Gegenüber, das sei ein Kumpel von ihm gewesen. Steini? Robert Steinhäuser? Ja. Man geht nach draußen, eine Zigarette rauchen. Der Abend endet nach einem Disput vor der Kneipe mit einer gebrochenen Nase für den Ich-Erzähler. Mit einem Besuch bei seiner Therapeutin. Und mit dem Entschluss, über seine Erlebnisse zu schreiben, auch wenn es gar keine klaren, konkreten Erlebnisse gibt. Das ist der Punkt. Einer der Punkte.

Die Fakten: Am 26. April 2002 erschoss der ehemalige Schüler des Gutenberg-Gymnasiums in Erfurt, Robert Steinhäuser, bei einem Amoklauf an eben diesem Gymnasium zuerst 16 Menschen – Lehrer, Schüler, eine Sekretärin, einen Polizeibeamten – und anschließend sich selbst. Kaleb Erdmann, geboren im westdeutschen Witten, ging zu dieser Zeit in die fünfte Klasse am Gutenberg-Gymnasium.

„Die Ausweichschule“ ist ein spannendes, erhellendes und trotz seines düsteren Stoffs in manchen Passagen sogar komisches Buch, weil Erdmann seinen Erzähler-Schriftsteller bei seinen Recherchen bevorzugt in absurde Situationen tappen lässt. Allen voran der Besuch bei seinem ehemaligen besten Schulfreund in Erfurt, der den Versuch, ein von Sensibilität und Empathie geleitetes Gespräch über die Gutenberg-Ereignisse zu führen, schlichtweg an seinem Nutella-Brötchen kauend in seiner Küche wegnuschelt. Und doch steckt in diesem Buch auch ein tieferer Ernst und vor allem ein großes Gefühl für die Verantwortung, die das Schreiben über ein solch unfassbares und für viele Menschen bis heute traumatisierendes Verbrechen mit sich bringt: Wie nähert man sich dem Thema ohne den mittlerweile üblichen Voyeurismus eines True-Crime-Podcasts? Wie bleibt man als Erzähler streng und ohne Sensationslust bei der Sache und unterliegt nicht der Versuchung, die Erfahrungen anderer als Lehrstück für die eigene politische Agenda zu missbrauchen? Und: Welches Recht hat überhaupt ein nur sekundär Betroffener, über all das zu schreiben? Eignet man sich damit nicht fremde Schicksale an?

Auszug aus einer Buchbesprechung von Christoph Schröder.

Auszug aus dem Buch im Original und in der Übersetzung ins Polnische von Artur Kożuch finden Sie auf der Website des Goethe-Instituts: https://www.litrix.de/de/buecher.cfm?publicationId=3917


Anna Maschik, Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten, Luchterhand Literaturverlag München 2025

Die 1995 in Wien geborene Anna Maschik eröffnet ihren Debütroman mit einer spektakulären Szene, die dem Buch auch seinen Titel gegeben hat: Die Bäuerin Henrike verhängt die Türen und Fenster ihrer Waschküche mit schweren Wolldecken. Kein Geräusch soll nach außen dringen und auch kein Lichtschein. Dann holt sie ein Schaf aus dem Stall, tötet das Tier mit einem Bolzenschussgerät, zieht ihm anschließend professionell und routiniert das Fell ab, um es dann auszuweiden.

Geschickt ruft Anna Maschik in ihrem kurzen Prolog die Motive auf, die ihren schmalen, aber hochintensiven und vor allem klug konstruierten Roman durchziehen: Krieg und Weiblichkeit, Tod und Vergänglichkeit, vor allem aber der scharfe, sezierende Blick auf Körper. Und wer den Verdacht hegt, dass sich Maschik mit den Themen Nationalsozialismus (der als solcher nie benannt wird) und ländlicher Raum auf literarisch ausreichend beackertes Gelände begibt, mag recht haben. Die Art und Weise, wie Maschik ihre Geschichte erzählt, ist jedoch unkonventionell und überraschend.

Anna Maschiks Buch ist keine streng realistische Erzählung, sondern ein Buch in der Tradition des südamerikanischen magischen Realismus. Anna Maschiks Welt ist mythisch aufgeladen und konkret zugleich. Maschik findet starke, prägnante Bilder, entwirft einprägsame Szenen und hat ihre heterogenen Stilelemente, darunter auch immer wieder in den Text eingestreute Listen, die die Welt ordnen und strukturieren, fest im Griff. Ein formal so mutiges wie sprachlich originelles Debüt.

Auszug aus einer Buchbesprechung von Christoph Schröder.

Auszug aus dem Buch im Original und in der Übersetzung ins Polnische von Małgorzata Gralińska finden Sie auf der Website des Goethe-Instituts: https://www.litrix.de/de/buecher.cfm?publicationId=3923

Thomas Melle, Haus zur Sonne, Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln 2025.

Bücher von Thomas Melle zu lesen bedeutet stets in einen Abgrund zu blicken, in eine persönliche wie auch gesellschaftliche Finsternis, die geschildert ist in einer nicht prätentiösen, nicht elaborierten, aber ungemein mitreißenden Sprache, die Sogwirkung entfaltet. Thomas Melle leidet an einer bipolaren Störung. Und er schreibt darüber, um überleben zu können. Er schreibt aber auch, um allen davon zu erzählen. Die Krankheit, so sagt er, habe ihn zum Schriftsteller gemacht.

Melle – oder sein Ich-Erzähler – fällt in einen bodenlosen Abgrund aus Verfolgungswahn. Eine Psychose, so destruktiv wie nie. Die Einsicht: „Ich wurde wieder verrückt und blieb es.“ In diesem Zustand entdeckt Melles Erzähler im Jobcenter einen Flyer. „So nicht weiter?“, heißt es da; eine Werbung für ein „Pilotprojekt zur Lebensverbesserung, Traumverwirklichung, Selbstabschaffung“. Dieses Projekt ist das titelgebende Haus zur Sonne. Der Erzähler bewirbt sich um den Einzug in diese Institution und bekommt eine Zusage. In der Einrichtung, gefördert mit staatlichen Mitteln, passiert, kurz zusammengefasst, Folgendes: Menschen, die den Wunsch haben, nicht mehr weiterzuleben, weisen sich dort freiwillig ein. In so genannten Simulationen, höchst lebendigen Träumen, erleben sie eine Zeit lang Alternativgeschichten; Projektionen dessen, wie ihr Leben auch hätte verlaufen können. Wer oder was sie hätten sein können, wenn sie anders, „gesund“, lebenstüchtiger gewesen wären. Man zeigt ihnen noch einmal das gute Leben – dann bringt man sie um.

Das Haus zur Sonne ist ein in schöne Worte gekleidetes Euthanasieprogramm, aus dem es keinen Ausweg mehr gibt, ist man erst einmal drin. Denn gekommen ist man ja freiwillig. Man geht als Leser dieses Romans noch einmal mit, durch alle Hochgefühle und alle Tiefen eines extremen Bewusstseins, das auf Zerstörung ausgerichtet ist. Unausgesprochen stellen sich in „Haus zur Sonne“ große ethische Fragen nach dem Umgang mit Krankheit und mit einem vermeintlich nicht lebenswerten Leben. Dass die Menschen ihr eigenes Leben nicht mehr als erhaltenswert empfinden, dreht diese Spirale noch weiter. „Haus zur Sonne“ ist ein radikaler Roman. Und letztendlich, in seinem Aufbegehren, auch ein tief humanes Buch.

Auszug aus einer Buchbesprechung von Christoph Schröder.

Auszug aus dem Buch im Original und in der Übersetzung ins Polnische von Ewa Mikulska Frindo finden Sie auf der Website des Goethe-Instituts: https://www.litrix.de/de/buecher.cfm?publicationId=3926


Nina Schedlmayer, Hitlers queere Künstlerin. Stephanie Hollenstein – Malerin und Soldat , Paul Zsolnay Verlag Wien 2025.

Stephanie Hollenstein war die 1886 geborene Tochter eines Bauern und Stickers aus dem österreichischen Vorarlberg. Als Kind hütete sie die Kühe. Ihr großes zeichnerisches Talent führte sie allerdings bald auf andere Pfade als die vorgegebenen – also die „zwischen Stickmaschine und Melkschemel“.

1904 gelang ihr die Aufnahme an der Königlichen Kunstgewerbeschule München, die schon sehr früh mit der Ausbildung und auch Anstellung von Künstlerinnen begonnen hatte. Im künstlerisch progressiven München jener Jahre lebte die rustikale Bauerstochter nun ein Leben, von dem ihre Familie zuhause lieber nichts wissen sollte. Zahlreiche Liebesbriefe hat die Kunsthistorikerin Nina Schedlmayer aus dem Archiv geborgen. Sie zeugen von einem promiskuitiven lesbischen Lebensstil inmitten der Schwabinger Künstlerszene der Jahrhundertwende, wo die angehende Expressionistin Holleinstein bis 1910 sogar eine eigene Malschule betrieb.

So liest man mit einiger Faszination wie sich Stephanie Hollenstein, während sie sich mit Talent und Abenteuerlust in die avantgardistischsten Kreise ihrer Zeit hochmalte, eine Geliebte nach der nächsten erst in Abhängigkeit zu sich brachte, um sie dann in einem quälend langen Drama von sich zu stoßen. Hollenstein, so viel wird gleich auf den ersten Seiten dieser spannenden Annäherung klar, muss eine charismatische, aber auch gebieterische Person gewesen sein. Schon früh wusste sie, andere für sich einzunehmen und für sich einzuspannen.

Überhaupt, das zeigt diese Biografie deutlich, war auch die NS-Kulturpolitik von Inkonsequenzen durchzogen, die den Fall Hollenstein plötzlich weniger exotisch wirken lassen. „So konnte die Kunst einer Person gleichzeitig als volkstümlich-deutsch und als entartet gelten.“ Die Autorin zählt dazu einige Beispiele auf. Ähnlich Widersprüchliches wird man wohl auch von der künstlerisch progressiven und offen lesbisch lebenden Malerin Stephanie Hollenstein sagen müssen: Sie war gleichzeitig ihrer Zeit voraus und einem reaktionären Männlichkeitskult verfallen, der ihr eine steile Karriere unter den Nazis verschaffte, von der sie sich nach dem Krieg nicht mehr distanzieren konnte, da sie 1944 starb.

Nina Schedlmayer erinnert uns mit ihrer schwungvoll geschriebenen Biografie daran, dass Karrierismus, Charisma und Herrschaftsallüren eine unheilvolle Trias bilden können, in der die Gesetze der Vernunft nicht mehr gelten und auch ein emanzipierter Lebensstil nicht vor blindem Hass auf andere Minderheiten oder Marginalisierte schützt.

Auszug aus einer Buchbesprechung von Katarina Teutsch.

Auszug aus dem Buch im Original und in der Übersetzung ins Polnische von Anna Wziątek finden Sie auf der Website des Goethe-Instituts: https://www.litrix.de/de/buecher.cfm?publicationId=3947


Die oben genannten Empfehlungen wurden in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut in Krakau im Rahmen des Projekts LITRIX erstellt.  Mehr über das Projekt: https://www.litrix.de/de/index.cfm

 

Do góry
Drukuj
Mail